GEORGIA HOLZ
MALEREI, DIE ÜBER DEN BILDRAND SCHAUT
A Bigger Picture, der Titel, den Julia Brennacher für ihre Ausstellung im RLB Atelier in Lienz gewählt hat, ist humorvolle Ansage und Geste der künstlerischen Selbstbestimmung zugleich. Er macht deutlich, dass die Künstlerin ihre Serie kleinformatiger abstrakter Malereien in einen größeren Zusammenhang stellt, der über das Einzelbild hinausgeht. So bezieht sich das ›größere Bild‹ nicht nur auf das Verhältnis der Einzelbilder zueinander und deren gegenseitige Beeinflussungen, sondern auch auf die räumliche Anordnung und das Verhältnis der Malerei zu der sie umgebenden Architektur. Nicht zuletzt verweist der Titel auf die Fähigkeit des Mediums, über sich selbst hinauszuweisen und zugleich selbstreflexiv auf die eigenen Möglichkeiten zu referieren und seine Gemachtheit auszustellen.
Julia Brennacher scheut sich nicht, Topoi der Malerei, wie sie vor allem seit der modernistischen Abstraktion vorangetrieben wurden, und das damit verbundene komplexe Erbe dieses Mediums immer wieder aufs Neue zu befragen und Vorschläge für dessen Aktualisierung zu machen. Der Künstlerin geht es hier weniger um eine Erweiterung der Malerei durch Hinzufügung anderer Materialien oder eines Displays – im Gegenteil, verwendet sie doch bewusst geradezu klassische Materialien wie Leinwand, Keilrahmen, Farbe –, sondern um eine, wenn man so möchte, reduzierte beharrliche Befragung des Mediums selbst. Strukturgebende Logiken und Kategorien sind in Julia Brennachers Malerei nicht nur impliziert, sondern werden in ihren malerischen Versuchsanordnungen neu interpretiert. Farbe und Kontur, Transparenz und Opazität, Illusionismus und Objekthaftigkeit, Chroma und Kontrast, Zufall und Komposition, Figur und Grund – diese paradigmatischen Begriffspaare, die die Grundbedingungen von Malerei markieren, stehen auch in Julia Brennachers Arbeiten zur Disposition.
Mit ihrer Ausstellung A Bigger Picture bleibt die Künstlerin materiellen Paradigmen der Malerei treu, auf den ersten Blick handelt es sich um klassische Malerei: 50 kleinformatige Leinwände, je 40 mal 30 mal 5 Zentimeter, mit Acryl-, Öl- und/oder Sprayfarbe gemalt. Die Leinwandstärke von 5 Zentimetern akzentuiert die Körperlichkeit der Bilder und somit ihren Status als Objekte. Sie sind nicht auf die schiere Oberfläche reduziert, und ihre Objekthaftigkeit kommt zusätzlich durch das unbemalte und unbehandelte Leinen an den Bildrändern zum Vorschein. An diesen Rändern fallen illusionistischer Bildraum und die Faktizität der Materialien des Bildträgers ineinander.
Julia Brennachers Farbpalette ist durchaus unkonventionell: inspiriert von Mode und Design, mischt die Künstlerin intuitiv Farbtöne zwischen Neon und Pastell, was zu überraschenden Kombinationen und Effekten führt. Mit diesem Farbspektrum arbeitet sie im Übrigen bereits seit einigen Jahren. Sie schätze die ›artifizielle Atmosphäre‹, die diese Farben im Stande seien, zu evozieren, so Brennacher. Ihre experimentelle, lustvolle Farbgebung führt oftmals zu eigentümlichen Farbkompositionen, Kombinationen und Nuancen, die zwischen Transparenz und Opazität changieren. Durch das Schichten, Überlagern oder Verweben konträrer Farbmedien und verschiedener Farbschichten werden vermeintliche Störfaktoren produktiv und provozieren gegensätzliche Oberflächenqualitäten. Dieses Farbspektrum gibt der Künstlerin die Möglichkeit, populärkulturelle Einflüsse aus Design, Mode oder Architektur als atmosphärische Elemente einzuführen, ohne sie motivisch zu zitieren.
Brennacher vermeidet bewusst Komplexität im Bildaufbau wie in der Motivwahl. Es geht um Reduktion, die den malerischen Akt selbst ausstellt und nachvollziehbar macht, um Malerei – auf die Unmittelbarkeit ihrer Elemente heruntergebrochen. Die Uniformität des einheitlich kleinen Formats ermöglicht es der Künstlerin, den Fokus auf unterschiedliche malerische Aspekte und Möglichkeiten zu legen und ein reduziertes Formenvokabular auszuloten. Die Bildlösungen sind bewusst heterogen angelegt und reichen von präzisen, streng durchdeklinierten Kompositionen bis hin zu intuitiv-spielerischen Zugängen. Motivisch reicht das Spektrum von klar konturierten Formen und abgeklebten linearen Versatzstücken bis zu unscharfen Rändern; Kurven und Mäander treffen auf vollflächige Monochrome, klar abgegrenzte Konturen auf gesprayte Farbflächen, geometrische Linearität auf organisch anmutende Formen. Parallel zu den Formen werden verschiedenste Werkzeuge und Techniken durchdekliniert – gemalt, gesprayt, getupft, gewischt. Pastoser Farbauftrag folgt auf gesprayte Farbe, schnelle breite Pinselstriche auf monochrome Flächen. Häufig ist der Farbauftrag dünn, stellenweise transparent, sodass die darunterliegende Farbschicht oder das textile Raster der Leinwand sichtbar werden.
Diese Überlagerung, Durchdringung und gleichzeitige Zurschaustellung der verschiedenen Farbschichten sind allen Arbeiten gemein und rücken die Nachvollziehbarkeit der malerischen Spur – oft sind es wenige, präzise Pinselstriche – in den Fokus. Das ruft das Phänomen des Palimpsestierens in Erinnerung, jenen seit der Antike bekannten Vorgang des Wiederbeschreibens historischer Manuskriptseiten und -rollen, wobei der darunter liegende Text erhalten bleibt und freigelegt werden kann. Das Palimpsest als Denkfigur für Textualität und den Prozess des Schreibens sowie als Metapher für geistige Prozesse und Erinnerung trifft sich mit Julia Brennachers Verständnis von ›Malerei als Sprache‹ und als ›gedanklicher Prozess‹.
Der Akt des Betrachtens ist zugleich einer des Nachvollziehens, nämlich wie die Künstlerin anhand eines reduzierten Formenvokabulars malerische Effekte durchdekliniert und gleichsam die Bildoberfläche markiert als eine ›visuelle Recherche malerischen Terrains‹,1 wie sie es selbst nennt. Diese malerischen Übungen ›stellen sich zur Schau‹, ›entblößen sich‹ und ›appellieren an die Wahrnehmung‹, um es mit den Worten des französischen Kunsthistorikers Hubert Damisch auszudrücken. Denn: der ›Pinselstrich selbst, in dem man das Kennzeichen der Subjektivität in der Malerei sehen möchte, gibt dem Auge nichts anderes preis als die Spuren einer Aktivität‹.2
Julia Brennachers malerische Praxis reiht sich in eine Tradition ein, die Malerei als räumliche Anordnung denkt und das Medium um Ortsspezifik erweitert. Auch die Serie A Bigger Picture integriert den Raum der Ausstellung dezidiert in die Arbeit, mehr noch: Die Positionierung der Leinwände, ihr Zusammenspiel als Reihung und ihre Wirkung auf die architektonischen Gegebenheiten sind wesentlich für die Komposition und Konzeption der Arbeit. Entsprechend bezeichnet die Künstlerin ihre Installation als ›Raumbild‹. Sie versteht die Bilder als geschlossene Serie, oder besser gesagt, als eine Arbeit, bestehend aus 50 Bildern, die sich im Raum verteilen und diesen neu interpretieren. Die Beschaffenheit der Architektur bestimmt den Rhythmus und die Sequenzierung der Bilder, gleichzeitig orientiert sich die von der Künstlerin vorgenommene farbige Gestaltung der Wände an der Farbpalette der Bilder. Die vier Wandflächen der Galerie wurden vollflächig und monochrom in vier verschiedenen Pastelltönen gefasst: Ein leichtes Violett, ein zartes Gelb, ein mintartiges Grün sowie ein zartes Grün-Gelb dienen als rahmende Folien für die kleinformatigen Malereien. Dabei geht es der Künstlerin auch darum, eine bestimmte Atmosphäre zu schaffen und die präzise Anordnung der Malerei im Raum zu unterstreichen.
Die Art der Hängung variiert markant und lotet so erneut die Möglichkeiten des Raumes aus: von in dichtem Raster angelegten Bildensembles über die enge Reihung einer Gruppe bis hin zum Einzelbild auf einer Wand. Der Bildraum erstreckt sich sowohl über das einzelne Bild als auch über die gesamte Serie, denn die Bilder korrespondieren miteinander, sprechen zueinander, ihre Motive springen über und laden ein zum Vergleich. So ist das Einzelbild immer im Verhältnis zu seinen Nachbarn zu lesen, und im Verhältnis zum gesamten Raum. Motivische und farbliche Verwandtschaften, Annäherungen oder Gegensätze werden durch die räumlichen Setzungen der Künstlerin – unmittelbare Nähe der Bildserien oder Distanz zu den Einzelbildern – akzentuiert. Genauso nimmt die Farbgestaltung der Wände Einfluss auf die Wahrnehmung der Bilder im Raum für die BesucherInnen. Der Rhythmus der unterschiedlichen Arten von Hängung und die farbig gestalteten Wandflächen aktivieren das Sehen als ganzheitliche körperliche Erfahrung. Die BetrachterInnen nehmen eine durchaus aktive Rolle ein, denn mit dem Wechsel der Position wird die Dynamik und Vielschichtigkeit dieses ›Raumbildes‹ aktiviert: Durch das Abschreiten einer dicht gehängten Serie oder das Verweilen vor einem Einzelbild, das Naheherantreten oder die Betrachtung von außen durch die große Glasfläche eröffnen sich permanent neue Perspektiven und Konstellationen.
1 Julia Brennacher im Gespräch mit der Autorin, 10. April 2021.
2 Hubert Damisch: Im Zugzwang, Delacroix, Malerei, Photographie. Diaphanes, Berlin 2005, S. 19– 20.
Text: Georgia Holz
Publiziert in: Kat. Julia Brennacher, A Bigger Picture, RLB Atelier Lienz, hrsg. von Silvia Höller, Lienz 2021, S. 20 –23.